Irren ist menschlich

Verstehen ist mühsam

Irren ist menschlich – Psychosen auch. Verständnis für einander zu entwickeln und eine angemessene Sprache zu finden, ist für uns alle ein mühsamer Prozess. Am ehesten kann uns dieser Weg gelingen, wenn wir die Andersartigkeit des Wahrnehmens und Erlebens gegenseitig respektieren und ernst nehmen. Dazu gehören gerade das Aufdecken der Grenzen des eigenen Verstehens, das Preisgeben der eigenen Schwierigkeiten, wie auch das Klagen und Einklagen von eigenen Verletzungen und Kränkungen.

Offenes Verstehen – Anthropologische Sicht (Blick auf den Menschen)

Der Trialog hat die pathologische Sicht um die anthropologische ergänzt: Neben die Suche nach Fremdheit und Normabweichung rückt die nach dem zutiefst Menschlichen uns allen Gemeinsamen – wenn auch in verschiedener Ausprägung. Aus dieser Perspektive kann die Angst überlebenswichtig sein, der Zwang als Ritual Angst binden, die Depression als Schutzmechanismus, die Manie als Flucht nach vorne erscheinen. Die sozialen Wahrnehmungs- und Beziehungsmuster der Borderline-Störung erinnern an die Pubertät, die der Psychosen an die frühe Kindheit: Alles auf sich zu beziehen, ist ein Versuch Halt zu finden, wenn die Abstraktion von sich selbst noch nicht oder nicht mehr möglich ist und die Vielfalt der Eindrücke überfordert.

Wir alle können psychotisch werden, die Frage ist nur ab wann: Zu viel kann uns zwingen zu dissoziieren, zu wenig Halluzinationen triggern. Nur die Schwelle ist verschieden, ab wann wir aus der gemeinsamen Realität aussteigen oder nicht mehr ohne Echo bleiben können.

Aus dieser Perspektive mischen sich die Fragen nach Funktionalität und Dysfunktionalität sowie die Suche nach Störung und Sinn. So vermittelt der Wahn wie der Traum Angst- und Wunschanteile, Bedrohung und Bedeutung. Diese Sichtweise reduziert Stigma und erhöht die Chance der Aneignung / Selbstverantwortung.

Auch wie mit Psychose in anderen Kulturen umgegangen wird, wie Symptome universell sein können und welche andere Therapiemöglichkeiten in anderen Ländern praktiziert werden, die der hiesigen klassischen Psychiatrie nicht entsprechen und trotzdem erfolgreich eingesetzt werden. Das öffnet in den Teilnehmern neue Horizonte und hilft dabei nationale sowie kulturelle Grenzen des „Psychose“verständnisses zu überwinden.

„Menschen müssen im Unterschied zu anderen Lebewesen um ihr Selbstverständnis/-gefühl ringen. Es gehört zu unseren Möglichkeiten, an uns zu zweifeln und dabei auch zu verzweifeln, über uns hinaus zu denken und uns dabei auch zu verlieren … Wer darüber psychotisch wird, ist also kein Wesen vom anderen Stern, sondern zutiefst menschlich“.

Blaue Broschüre: Es ist normal, verschieden zu sein

Beziehung im Mittelpunkt

Menschen in Psychosen sind tief erschüttert und existentiell mit sich beschäftigt. Mit ihnen psychotherapeutisch zu arbeiten, ist eine dankbare Aufgabe, allein weil die therapeutische Angst vor Manipulation und schwieriger Abgrenzung ins Leere geht. Umgekehrt ist die Not so existentiell und das Bedürfnis nach einem therapeutischen Gegenüber so stark, dass die Anwendung schulenspezifischer Techniken alleine keine Chance hat. Das hat Konsequenzen für Psychotherapie.

Kein Verhaltenstherapeut wird Wahn wegkonditionieren, keine Gesprächstherapeutin nur enthaltsam sein, kein Systemiker nur managen können; das psychoanalytische Setting ohne Blickkontakt ist fragwürdig wie auch eine Familientherapeutin, die niemandem zu nahekommt. Doch mit persönlicher Präsenz und fachlicher Varianz können sie alle als Gegenüber Halt und Orientierung geben sowie mit kognitivem, sozialem und biografischem Know-how hilfreich sein. Wie ist unsere Haltung in der therapeutischen Rolle: Sind wir eher Krankheitsbekämpfer oder eher Gesundheitsunterstützer, eher Rückfallvermeider oder eher Krisenbegleiter? Wollen wir Symptome vor allem beseitigen oder auch verstehen und dadurch entkräften? Können wir uns eine Balance zwischen diesen Polen vorstellen – gemeinsam mit dem Patienten?

Die entsprechende Bescheidenheit, Sensibilität und Grundsätzlichkeit kann man im Psychoseseminar lernen, den weitergehenden Diskurs des Zusammenwirkens der Spezialisten für Denken, Fühlen und Handeln dann im deutschen Dachverband Psychosen-Psychotherapie (DDPP) führen.

Psychoseverständnis

Psychosen sind individuelle Vorgänge. Die Psychose gibt es nicht, ebenso wenig den „Psychotiker“. Es gibt Menschen mit psychotischen Erfahrungen, die ganz unterschiedlich sind. Jede Psychose ist anders, wie jeder Mensch sich vom anderen unterscheidet. Ebenso vielfältig sind die Perspektiven, Wahrnehmungen und Wahrheiten von psychoseerfahrenen Menschen, von Angehörigen und Professionellen.

  • Menschen mit Psychosen verwirren und faszinieren durch die Originalität ihrer Gedankenflüge, durch die Ausdruckskraft ihrer Erlebniswelten, durch den Reichtum ihrer sprachlichen Bilder und die Grenzenlosigkeit ihres Verrückungsvermögens.
  • Begegnungen mit psychoseerfahrenen Menschen verschrecken und faszinieren, weil sie uns unweigerlich konfrontieren mit unseren eigenen emotionalen Abgründen, Gefährdungen und Energien.
  • Menschen mit Psychosen überfordern und faszinieren durch ihren unbesorgten Eigensinn, die Unbekümmertheit um ihre Existenz, durch ihre grandiose Selbstüberschätzung oder depressive Selbstabwertung, durch ihre „naiv-kindliche“ wirkende Lebensplanung.
  • Psychoseerfahrene Menschen verstören und faszinieren durch die Radikalität, mit der sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen aufs Spiel setzen. Sie verstören die Selbstverständlichkeit kommunikativer Verbindungen. Im Extremfall brechen sie die sprachlichen Brücken ab und können – zeitweise – völlig verstummen.
  • Menschen mit Psychosen verärgern und faszinieren durch die Ablehnung jeder Konvention, durch das rücksichtslose Ausleben ihrer inneren Wirklichkeit und die Selbst-Bezogenheit ihrer Existenz.
  • Menschen mit Psychosen ängstigen und faszinieren durch das Infragestellen unserer Realitäts- und Wahrnehmungssicherheit.
  • Psychoseerfahrene Menschen fordern, überfordern und faszinieren durch rätselhafte Verwirrspiele, Offenheit und Direktheit, sowie Sensibilität und verblüffende Treffsicherheit im Erspüren von Konflikten.
  • Menschen mit Psychosen sind Prüfstein für unsere Authentizität, für unsere Selbstsicherheit und Gelassenheit, für die Anerkennung unserer blinden Flecke und für die Ehrlichkeit unserer Angebote.

Die Zehn Thesen zum Psychoseverständnis sind die auf das Wesentliche reduzierte Früchte der langen Praxiserfahrung des Psychoseseminars Hamburg. Die Sichtweisen von Psychoseerfahrenen und Angehörigen sind ebenso eingeflossen wie der aktuelle Stand professionellen Wissens. Die verwendete Sprache versucht, beides zu verbinden.

Internationale Diagnoseschlüssel dienen dem Austausch der Profis und der Zusammenarbeit der Wissenschaftler. Zugleich bergen sie die Gefahr, die individuelle Besonderheit zu verallgemeinern, von der subjektiven Wirklichkeit zu entfremden. Dann geht verloren, dass alle diese Begriffe / Diagnosen nur „Konstruktionen“ sind, fachliche Worte, die nichts erklären und oft schwer zu verstehen sind. Eine Arbeitsgruppe des Psychoseseminars Hamburg erarbeitete eine Übersetzung des ICD-Schlüssels von Fach-Chinesisch in die Alltagssprache. Für ein besseres (Selbst)verstehen, zur Reduktion von Angst und damit die Wissenschaft wieder „empirisch“, also eine Erfahrungs-Wissenschaft werden kann.

Zitate, die Psychosen in einen kulturellen Kontext stellen

Psychische Krisen und insbesondere Psychosen sind nicht auf isolierte Faktoren zu reduzieren (Stoffwechsel, Gehirn o.a.). Sie betreffen uns ganz inklusive unserer Umgebung, sind Ausdruck unseres Menschseins, zutiefst menschlich. Das spiegeln diese folgenden Zitate von profilierten Menschen mit eigener, fachlicher, kultureller Erfahrung. Bitte helfen Sie uns diese Sammlung ständig zu erweitern.

»Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.«
(Friedrich Hölderlin – Patmos)

»Die Welt und ihre Fakten oder Buchstaben, aus denen sie besteht, verändern sich durch das Psychoseerleben nicht, aber die Betonung und die Wahrnehmung ist eine andere. Zusammenhänge werden gespürt, die ich aus der normalen Welterfahrung nicht kannte. Mit jedem meiner fünf schizophrenen Schübe wurde dieses veränderte Weltgefühl deutlicher und überzeugender. Ich nannte es ,Zentraler/eben‘, weil alle Bereiche wie bei einem Fächer von einer gemeinsamen Mitte auszugehen und miteinander verbunden zu sein schienen, während die normale Welterfahrung mehr an Schubfächer erinnert, in denen die verschiedenen Lebensbereiche voneinander getrennt eingeordnet werden, und auch Gott nur ein Religionsfach hat

Aus diesem veränderten Weltgefühl sonst nicht gespürter Sinnbezüge resultieren nach meiner Erfahrung die bekannten schizophrenen Symptome wie Beziehungs- und Bedeutungsideen, werden aufgebrochene auch mythische Vorstellungen und Symbole als Wirklichkeiten glaubwürdig. Das Gefühl, dass alles Sinnbild, Gleichnis für etwas ist, eine geheime Bedeutung hat, lässt nichts mehr als unwesentlich und zufällig erscheinen … «.
(Dorothea Buck, 2002)

»Die Psychiater haben den Erfahrungen des Patienten herzlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt.«
(Ronald D. Laing schon 1967 in Phänomenologie der Erfahrung, S. 98)

»Nach unserem heutigen Wissen bedeutet Schizophrenie in den meisten Fällen die besondere Entwicklung, den besonderen Lebensweg eines Menschen unter besonders schwerwiegenden inneren und äußeren disharmonischen Bedingungen, welche Entwicklung einen Schwellenwert überschritten hat, nach welchem die Konfrontation der persönlichen inneren Welt mit der Realität und der Notwendigkeit zur Vereinheitlichung zu schwierig und zu schmerzhaft geworden ist und aufgegeben worden ist.«
(Prof. Dr. Manfred Bleuler (1903-1994), Schizophrenie als besondere Entwicklung,
in Klaus Dörner (Hg.): Neue Praxis braucht neue Theorie, J.v.Hoddis-Verlag 1987)

»Bei der Behandlung eines Schizophrenen einmal ohne Medikamente auszukommen, ist eine besondere Kunst – aber oft auch ein Vorteil für den Kranken.«
(Manfred Bleuler, Lehrbuch der Psychiatrie, 1983.)

»Ich will mit der Feststellung beginnen, dass die Worte ›chronisch schizophren‹ zusammen aus zwanzig Buchstaben bestehen und auf nichts Konkretes verweisen. Es sind Worte ohne ›Referenz‹. Worte auf einem Abstraktionsniveau also, das es Psychiatern ermöglicht, zu einer gewissen sinnvollen Kommunikation untereinander zu gelangen. Abgesehen von dieser Bedeutung der Unterhaltung von Kommunikation zwischen Fachkollegen sind die Worte für mich ziemlich sinnlos.«
(Foundraine, Wer ist aus Holz, 1974, S. 249)

»Menschen, die schizophren erkranken, sind empfindsamer gegenüber Innen- und Außenreizen. Sie sind verletzlicher als andere durch Belastungen aus der sozialen Umgebung, durch die psychischen Wirkungen körperlicher Erkrankungen, durch eigene innere Konflikte. Weniger robust zu sein ist weder Schande noch Schwäche. Empfindsamkeit im Umgang mit Menschen und Dingen ist eine Chance zu vertieftem Erleben, intensiven Beziehungen und kreativer Lebensgestaltung.«
(Asmus Finzen in der Psychosozialen Umschau, Heft 1, 1995)

»Es ist wichtig, Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, ihre Psychosen zu erforschen, zu verstehen und Erklärungsmodelle über die Natur ihrer Erfahrungen zu entwickeln Psychiatrische Lehrbücher sollten in Zusammenhang mit Psychiatrie- und Psychose-Erfahrenen und ihren Angehörigen neu geschrieben werden. Das würde ein viel reicheres und menschlicheres Bild davon geben, was Psychiatrie sein kann und sein könnte.«
(Prof. Dr. Helmut Mohelsky, Psychiater aus Kanada)

Kinder und Jugendliche

Junge Menschen sind besonders betroffen, wenn sie aufgrund eigener Krisen oder der von nahen Verwandten (meist Eltern oder Geschwister) mit der Psychiatrie in Berührung kommen. Manche Erfahrungen machen Angst, die Sprache erscheint fremd. Eigene Worte zu finden ist schwer, zugleich aber notwendig, um die Erfahrung wieder anzueignen, am Erlebten zu wachsen. Dabei helfen die beiden folgenden Texte:

1.) Wie gesund ist krank? Psychische Erkrankungen: Ein Überblick für Jugendliche

2.) Papa, was ist irre und was ist gesund? Gespräche mit Kindern