Starthilfe

Bedingungen eines Psychoseseminars

Der Start

  1. Öffentliche Ankündigung

Ein Psychoseseminar ist keine Geheimveranstaltung. Im Prinzip hat jeder, der am Thema interessiert ist, Zugang. Denkbar ist ein Hinweis in der Lokalpresse, im Vorlesungsverzeichnis einer Universität oder Volkshochschule. Meist lohnen sich Aushänge in psychiatrischen Einrichtungen und gezielte Einladungen an den regionalen Angehörigen- und Erfahrenenverband bzw. an entsprechende lokale Selbsthilfegruppen.

  1. Gemeinsame Einladung

Am besten ist es, wenn sich je ein/e Vertreter/in von Psychoseerfahrenen, Angehörigen und Profis bereits für die Einladung zusammenfinden. Dann fühlen sich die drei Gruppen am ehesten angesprochen. Beispiele für den Einladungstext: Einladung Köln (PDF-Abruf Text #), Einladung Hamburg (PDF-Abruf Text #).

Der äußere Rahmen

  1. Neutraler Raum

Notwendige Voraussetzung für ein Psychoseseminar ist ein neutraler Raum, d.h. ein Raum, der in seinem Charakter und seiner alltäglichen Nutzung nicht auf bestimmte Rollenerwartungen festlegt.

Ein Raum, der sonst ständig für Gruppentherapie genutzt wird, ist weniger geeignet als ein normaler Seminarraum. Gut geeignet sind auch Räume außerhalb der Psychiatrie, also etwa Räume der Volkshochschule, der Bibliothek oder der Kirchen.

  1. Zeitstruktur

Manche Psychoseseminare starten mit einer begrenzten Zahl von einzeln angekündigten Testveranstaltungen zu bestimmten bewährten Themen, z.B.: »Wie ist eine Psychose zu verstehen?« oder »Was braucht man in einer Psychose?«. Die eigentlichen Psychoseseminare laufen dann in der Regel über einen längeren Zeitraum von einem Semester/Halbjahr bis zu einem Jahr. Der Rhythmus schwankt von wöchentlich bis monatlich. Ein Seminar umfasst dann also in der Regel acht bis zwanzig Treffen. Die einzelnen Termine dauern meist zwei Stunden, inkl. einer festgelegten Pause in der Mitte. Die Pause hat eine wichtige Funktion, sie erlaubt Entlastung und wechselseitige informelle Gespräche!

  1. Freiwillige Teilnahme

Eigentlich versteht sich das von selbst: Ein Psychoseseminar kann nicht verordnet werden. Jede Person entscheidet am besten für sich selbst, zu welchem Zeitpunkt ihrer Erfahrung sie sich in welcher Weise anderen zeigt oder sich deren Erfahrungen öffnen will. In den meisten Psychoseseminaren ist auch eine punktuelle Teilnahme an einem bestimmten Thema oder ein vorsichtiges »Schnuppern« möglich, obwohl es natürlich sinnvoll ist, den Diskussionsprozess längerfristig mitzuerleben.

  1. Möglichkeit, anonym zu bleiben

Es ist in Psychoseseminaren nicht üblich und nicht sinnvoll, am Anfang alle in ritualisierten Vorstellungsrunden zur Veröffentlichung der eigenen Perspektive zu zwingen. Im Gegenteil, es sollte möglich ein, auch »unerkannt« teilzunehmen. In jedem Fall sollte es jedem überlassen bleiben, wann er etwas von sich einbringen will.

  1. Mittlere Größe

Psychoseseminare sollten nicht zu groß und nicht zu klein sein. Eine zu kleine Gruppe kann einer Therapiegruppe zu ähnlich werden und einen indirekten Zwang zur Intimität ausüben. Jedes Schweigen wird dann bedeutsam, und das Gespräch verliert an Leichtigkeit. Eine zu große Gruppe kann hingegen zu viel Fremdheit erzeugen und es einzelnen Teilnehmern schwer machen, sich zu äußern. Die Erfahrungen sind aber unterschiedlich. Manche Seminare verkraften sogar kleine Teilnehmerzahlen; in Hamburg waren manche Veranstaltungen trotz der Anzahl von bis zu hundert Teilnehmenden fruchtbar.

Zusammensetzung

  1. Dialog zwischen Erfahrenen, Angehörigen und Mitarbeitern steht im Mittelpunkt

Die innere Spannung eines Psychoseseminars erwächst aus der Teilnahme der drei an den meisten Psychosen beteiligten Gruppen unabhängig von ihren festgelegten Rollen. Psychoseerfahrene können fremden Angehörigen oft besser die eigene Betroffenheit abnehmen, umgekehrt Angehörige fremden Psychoseerfahrenen besser zuhören. Und Profis können jenseits der eigenen Verantwortung unbefangener und vollständiger die Seiten der Psychose wahrnehmen, die ihnen sonst entgeht, und besser auf die eigenen Anteile der Begegnung achten.

  1. Lernende bzw. Studierende erleichtern das Gespräch

Lernende bzw. Studierende sind meist neugierig und bereit, unbefangen Fragen zu stellen. Sie haben noch nicht die Haltung mancher Profis verinnerlicht, alles schon am besten zu wissen.

  1. Psychoseseminare sind hervorragende Lehrveranstaltungen

Erfahrene und Angehörige leisten im Rahmen der Psychoseseminare einen wichtigen Beitrag bei der Ausbildung. Nirgendwo sonst können Lernende und Studierende so dicht alle bei einer Psychose beteiligten Perspektiven kennenlernen. Nirgendwo sonst werden sie authentisch auf die Subjektivität der Psychoseerfahrung und auf die Relativität aller Hilfebemühung hingewiesen. Sollten überproportional viele Studierende teilnehmen wollen, so ist eine Begrenzung sicherlich notwendig. (In Hamburg hat das Psychoseseminar 1994 den Fischer Apelt-Preis der Universität Hamburg für hervorragende Lehre gewonnen.)

  1. Laienhelfer und weitere Interessierte repräsentieren Öffentlichkeit

In manchen Psychoseseminare verstehen sich Laienhelfer und weitere Interessierte als vierte Gruppe. Eine vorsichtige Öffnung der Psychoseseminare für die interessierte Öffentlichkeit und mit klaren Absprachen für interessierte Journalisten kann der Aufgabe dienen, die sich die Psychoseseminare bei dem ersten große Erfahrungsaustausch 1996 in Bonn gestellt haben, eben auch das Psychose-Bild in der Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen. Wir sprechen trotzdem nicht von Quatrolog o.ä. sondern weiter von Trialog oder Dialog (Dia steht nicht für eine Zahl, sondern für einen Austausch zwischen Gleichen).

Moderation

  1. Ein Moderator oder mehrere?

Die meisten Seminare haben einen Moderator; viele wechseln die Moderation nach einer gewissen Zeit. Manche Seminare haben eine Moderatorengruppe, die möglichst alle drei Teilnehmergruppen berücksichtigt.

  1. Aufgaben des Moderators

Die moderierende Person hat neben den formalen Aufgaben der Gesprächsleitung vor allem auf folgende Punkte zu achten:

  • Die Themen sollten so formuliert sein, dass sich alle drei Gruppen angesprochen fühlen.
  • Direkte Fragen und Bemerkungen zwischen den drei Gruppen haben Vorrang, denn sie machen den Erfahrungsaustausch lebendig.
  • Die drei oder vier Gruppe sollten ausgewogen beteiligt sein. Wenn die Meinung und Perspektive einer Gruppe fehlen, ist es die Aufgabe der Moderation, eine Ermutigung auszusprechen oder entsprechende direkte Fragen zu stellen. Wenn eine Gruppe die andere zu bestimmen versucht, ist es Aufgabe der Moderation, die Konflikt zu benennen. Es ist Sache des ganzen Seminars, ihn zu lösen.
  1. Die Rolle des Moderators nicht überschätzen

Ein Moderator ist kein Seminarleiter. Er soll das Gespräch erleichtern, aber nicht bestimmen. Er sollte bei allen drei Gruppen eine gewisse Anerkennung genießen. Viele Konflikte, z.B. Vielreden eines Teilnehmers, lassen sich im Seminar selbst oder im Rahmen einer Teilgruppe viel besser regeln als durch einen autoritären Moderator.

Inhalte

  1. Grundfragen

Im Psychoseseminar geht es vor allem um zwei Grundfragen:

  1. Wie sind Psychosen umfassend und eben nicht nur medizinisch zu verstehen?
  2. Was brauchen Menschen in Psychosen, und was brauchen Angehörige und Mitarbeiter, um zu einer offenen und ehrlichen Begegnung und Auseinandersetzung in der Lage zu sein?
  1. Themen gemeinsam festlegen

Verschiedene Themen erlauben einen immer neuen Zugang zu den Grundfragen. Die Themen sollten gemeinsam festgelegt und nicht von einer Person oder Teilgruppe dominiert werden. Manche Psychoseseminare legen die Themen am Ende einer Stunde für die nächste, andere am Anfang eines Semesters für den anstehenden Zeitraum fest. Einige bleiben bei einem Thema, bis es »zu Ende« ist, andere zirkulieren nach einer einmal vereinbarten Reihenfolge.

  1. Themen richten sich immer an alle drei Gruppen

Am fruchtbarsten sind Diskussionen zu Themen, die so formuliert sind, dass sich alle drei Gruppen angesprochen fühlen können. Etwa: Beim Thema »Angst« ist eben nicht nur die der Psychoseerfahrenen, beim Thema »Schuldgefühle« eben nicht nur die der Angehörigen und beim Thema »Macht« eben nicht nur die der Psychiater gemeint! Beispiele für Themen

  1. Der subjektiven Perspektive genügend Raum geben

Im Psychoseseminar geht es vor allem darum, den subjektiven Erfahrungen wieder den ihnen zukommenden Stellenwert zu verleihen, vor allem denen der Psychoseerfahrenen und der Angehörigen. Aber auch die Profis sind aufgefordert, sich mit ihrem Wissen, aber auch mit ihrem Fühlen einzubringen. Psychoseseminare bieten die Gelegenheit, Geschichten zu erzählen.

  1. Sinnsuche

Psychosen werden vielfach ausschließlich als Symptome einer Krankheit betrachtet. Sie werden von der allgemeinen Lebenserfahrung abgekoppelt und so die Spaltung erzeugt oder vertieft, die angeblich der Krankheit zu eigen ist. In Psychoseseminaren ist Raum, die Psychoseerfahrung vollständiger wahrzunehmen und sie spielerisch auf ihren Sinn hin zu befragen. Die Sinnsuche geschieht dabei auf einer »mittleren Ebene«, nicht tiefenpsychologisch analytisch und nicht abstrakt gesellschaftstheoretisch, sondern irgendwo dazwischen. Die Psychose erscheint so als letzte Zuflucht für Eigenheit, als Kanalisation von Angstgefühlen, als Ausweg aus einem unlösbaren Konflikt usw. (siehe auch »Zum Verständnis von Psychosen«).

  1. Streitkultur

Es gibt viele Wahrheiten. Es ist nicht Aufgabe des Psychoseseminars, Meinungen zu vereinheitlichen. Die Wahrheit ist immer subjektiv. Unterschiedliche Erfahrungen und Meinungen haben Platz auch und gerade zu so sensiblen Themen wie Neuroleptika u.a. Es kann ebenfalls nicht der Sinn des Psychoseseminars, unterschiedliche Interessen und Standpunkte zu leugnen. Vielmehr geht es darum, verschiedene Standpunkte besser kennenzulernen, eine gemeinsame Sprache und Streitkultur zu entwickeln, um so Konflikte wirklich inhaltlich auszutragen.